Seit 2023 darf in Deutschland wieder tragend mit ungebranntem Lehm gemauert werden. Bis Gebäudeklasse 4, also bis zu vier Geschossen. Geregelt in der DIN 18940. Ein Baustoff, den man vierzig Jahre lang als Sache für Aussteiger und Fachwerksanierer abgetan hat, steht damit wieder im Normenwerk.
Das ist keine Randnotiz. Lehmbau ist die älteste Bautechnik der Welt, etwa ein Drittel der Menschheit wohnt bis heute in Gebäuden aus Lehm, und die Eigenschaften, für die er gebaut wurde, sind heute wieder gefragt. Was Sie hier finden: die Techniken, die messbare Bauphysik dahinter, die ehrlichen Grenzen. Und den Ofen, an dem sich alles davon in klein zeigt.
Woraus Lehm besteht
Lehm ist ein natürliches Gemisch aus drei Korngrößen. Ton unter 0,002 Millimeter bindet, Schluff füllt, Sand bildet das Gerüst. Verwitterung hat das über Jahrtausende zusammengemischt, Gletscher und Flüsse haben es verteilt. In Oberschwaben liegt deshalb Geschiebelehm aus der Eiszeit unter vielen Grundstücken, oft direkt unter dem Mutterboden.
Das Mischungsverhältnis bestimmt alles. Viel Ton bedeutet fetten Lehm, der stark bindet und beim Trocknen schwindet. Viel Sand bedeutet mageren Lehm, der kaum schwindet und schwach bindet. Die ganze Handwerkskunst des Lehmbaus besteht darin, das eine mit dem anderen auszugleichen. Grundlagen dazu im Beitrag Was ist Lehm?, die Abgrenzung zum reinen Ton unter Lehm und Ton im Vergleich.
Die Techniken im Überblick
Stampflehm
Erdfeuchter Lehm wird lagenweise in eine Schalung gestampft. Was entsteht, sind massive Wände mit sichtbaren Schichten, jede ein Unikat. Der Alnatura Campus in Darmstadt trägt eine der größten Stampflehmfassaden Europas. Damit ist die Technik endgültig aus der Ökonische heraus.
Lehmsteine
Geformt, luftgetrocknet, vermauert mit Lehmmörtel. Der älteste Mauerstein der Menschheit, geregelt in der DIN 18945 und seit 2023 auch tragend normiert. Formate, Herstellung und Verarbeitung stehen unter Lehmziegel und Lehmsteine.
Lehmputz
Der einfachste Einstieg und der mit der größten Wirkung pro Quadratmeter. Vom Unterputz mit Stroh bis zum farbigen Edelputz. Aufbau, Verarbeitung und die typischen Fehler stehen im Lehmputz-Guide.
Lehmfarbe
Wenn Verputzen zu viel ist: Lehmfarbe bringt die matte Oberfläche und einen Teil der Feuchtewirkung mit der Rolle an die Wand.
Leichtlehm und Lehmbauplatten
Mit Stroh oder Holzspänen gemagerter Lehm dämmt und speichert zugleich, das klassische Material der Fachwerksanierung. Lehmbauplatten bringen dieselben Eigenschaften in den Trockenbau, verschraubt statt gemauert. Mehr dazu unter Lehmhaus und moderner Lehmbau.
Zehntausend Jahre Baupraxis
Die ältesten bekannten Lehmsteine stammen aus Jericho. Rund zehntausend Jahre alt, von Hand geformt, luftgetrocknet. Von dort führt eine ununterbrochene Linie bis heute: die Zikkurate Mesopotamiens, weite Teile des Kerns der Chinesischen Mauer, die mehrgeschossigen Lehmhochhäuser von Shibam im Jemen, die seit dem sechzehnten Jahrhundert stehen und heute UNESCO-Welterbe sind.
Mitteleuropa kannte zwei Traditionen. Die eine ist das Fachwerk mit Strohlehm in den Gefachen, sichtbar in jeder Altstadt zwischen Hessen und Oberschwaben. Die andere ist der massive Lehmbau, der nach Stadtbränden und in holzarmen Gegenden ganze Ortschaften prägte. Um 1800 entstanden dabei Häuser, die heute niemand mehr für möglich hält, mehrgeschossig und komplett aus ungebranntem Lehm.
Dann kamen Zement, Stahl und der gebrannte Ziegel. Sie versprachen Tempo, gleichbleibende Qualität und Wetterfestigkeit, und sie lösten ihr Versprechen ein. Lehm wurde zum Baustoff für Leute, die es sich nicht anders leisten konnten. Erst die Baubiologie der achtziger Jahre, dann die Fachwerksanierung, zuletzt die Diskussion über graue Energie haben ihn zurückgeholt. Der Unterschied zu damals: Heute gibt es Normen, industriell aufbereitete Produkte und Prüfwerte.
Lehm im Vergleich zu anderen Baustoffen
| Lehm | Gebrannter Ziegel | Kalksandstein | Beton | |
|---|---|---|---|---|
| Herstellungsenergie | sehr gering | hoch (Brand) | mittel | hoch (Zement) |
| Feuchteregulierung | sehr gut | mittel | gering | gering |
| Wärmespeicherung | sehr gut | gut | sehr gut | sehr gut |
| Wasserfest | nein | ja | ja | ja |
| Wiederverwendbar | vollständig | als Schotter | als Schotter | als Schotter |
| Reparierbar | mit Wasser | begrenzt | begrenzt | kaum |
Die Tabelle erklärt, warum Lehm nie überall gewinnt und in bestimmten Bereichen konkurrenzlos ist. Außenwand am Wetter: Ziegel. Innenwand, Putz, Speichermasse, Ofen: Lehm.
Bauphysik: die Zahlen hinter dem Wohlgefühl
„Gutes Raumklima“ ist ein Werbewort, solange niemand misst. Hier sind die drei Größen, um die es tatsächlich geht.
Feuchteaufnahme. Lehmputz nimmt Feuchtespitzen schneller und in größerer Menge auf als Gips- oder Kalkzementputz. Je nach Rezeptur und Schichtdicke zieht ein Quadratmeter in den ersten zwölf Stunden mehrere Dutzend Gramm Wasser aus der Luft und gibt sie später wieder ab. Praktisch heißt das: Die Feuchte aus Duschen, Kochen und einer Nacht Schlafen landet in der Wand statt am kalten Fensterrahmen.
Speichermasse. Rohdichten bis 2.200 Kilogramm pro Kubikmeter machen Lehm zum thermischen Puffer. Im Sommer dämpft und verzögert er die Hitzewelle, im Winter glättet er die Schwankungen. Es ist dieselbe Physik, die einen Speicherofen trägt, nur über die ganze Wand verteilt.
Diffusionsoffenheit. Wasserdampf kann durch Lehmbauteile wandern und wieder heraustrocknen. Das macht Wandaufbauten fehlerverzeihend, was besonders im Altbau zählt.
Ein Missverständnis muss weg: Lehm speichert, aber er dämmt nicht. Massivlehm hat keine nennenswert bessere Dämmwirkung als Ziegel. Erst Leichtlehm mit Stroh oder die Kombination mit Naturdämmstoffen erfüllt heutige Anforderungen. Wer beides verwechselt, plant an der Physik vorbei.
Lehmbau am Beispiel des Ofens
Am Ofen zeigt sich in einem Kubikmeter, was Lehm im ganzen Haus kann. Er nimmt die Hitze auf und gibt sie als Strahlung ab. Er bleibt weich genug, um die Dehnung beim Aufheizen mitzumachen, weshalb Kacheln jahrhundertelang in Lehm gesetzt wurden. Und er lässt sich wieder öffnen, was der Grund ist, warum ein sechzig Jahre alter Kachelofen heute noch saniert werden kann statt entsorgt.
Franz Xaver Widmer gründete 1951 in Ostrach den Betrieb, in dem diese Technik weitergegeben wurde. 1989 übernahm sein Sohn Franz, seit 2007 führt Thomas Widmer das Unternehmen und hat die Speichertechnik der beiden zu einer eigenen Bauart weiterentwickelt. Wer den Baustoff in Aktion sehen will, findet den Einstieg im Lehmofen-Ratgeber, das Selbstbauprojekt unter Lehmofen selber bauen.
Lehmbau in der Sanierung
Die meisten Lehmbau-Aufträge sind heute keine Neubauten. Im Fachwerkhaus ist Lehm praktisch alternativlos, weil er dem Holz Feuchtigkeit entzieht und es damit vor Fäulnis schützt. Zementputz auf Fachwerk gehört zu den bekanntesten Bauschäden der Nachkriegszeit, weil er dicht ist und das Holz einsperrt.
Bei der Innendämmung spielen Lehmsysteme ihre kapillare Leitfähigkeit aus. Anfallendes Tauwasser wird verteilt und rücktrocknet, statt sich an einer Stelle zu sammeln. Und in jedem alten Haus mit schiefen Wänden ist Lehmputz der Putz, der mitgeht statt abzuplatzen.
Was Lehmbau kostet
Die Rechnung hat zwei Seiten, und beide gehören auf den Tisch. Das Material ist billig, Baulehm gehört zu den günstigsten Baustoffen überhaupt. Die Arbeit ist es nicht. Mehrlagige Aufträge, Trocknungszeiten und Erfahrung schlagen sich im Lohn nieder, weshalb Lehmgewerke meist auf oder leicht über konventionellem Niveau liegen.
Dagegen steht: keine Entsorgungskosten, sehr lange Lebensdauer, Reparatur statt Austausch und ein Rohstoff, dessen Preis nicht an Energiemärkten hängt. Wer in Jahrzehnten rechnet, kommt zu einem anderen Ergebnis als wer in Quadratmeterpreisen rechnet.
Das Regelwerk kompakt
- Lehmbau Regeln des Dachverband Lehm e.V., das anerkannte Standardwerk für Planung und Ausführung.
- DIN 18945 bis 18948 für Lehmsteine, Lehmmauermörtel, Lehmputzmörtel und Lehmplatten.
- DIN 18940 seit 2023 für tragendes Lehmsteinmauerwerk bis Gebäudeklasse 4.
- Für Feuerstätten kommen unabhängig vom Baustoff BImSchV, Feuerungsverordnung und die Abnahme durch den Schornsteinfeger dazu.
Fachbetriebe und weiterführende Literatur vermittelt der Dachverband Lehm e.V.
Die Grenzen, offen gesagt
Lehm ist nicht wasserfest. Er braucht konstruktiven Schutz, in der alten Handwerksregel „ein guter Hut und gute Stiefel“, also Dachüberstand oben und einen spritzwasserfesten Sockel unten. Seine Druckfestigkeit liegt unter der von Beton. Er trocknet langsam, und zwar nur durch Luftwechsel, nicht durch chemisches Abbinden. Wer im November verputzt und nicht lüftet, wartet Wochen.
Lehm in Aktion: der Ofen als Beispiel
Alles, was auf den vorigen Abschnitten steht, lässt sich an einem Bauteil nachvollziehen, das in einen Kubikmeter passt. Diese Beiträge zeigen es der Reihe nach.
- Lehmofen: der große Guide mit Arten, Physik und Kosten.
- Lehmofen selber bauen, die Anleitung mit Kugelfallprobe und Trocknungsplan.
- Pizzaofen aus Lehm, wo die Speichermasse ihre Hitze abgibt.
- Lehmofen im Wohnzimmer, die Variante, die ein Haus mitheizt.
- Welcher Lehm für den Ofen, wo fett und mager über das Ergebnis entscheiden.
- Kaufen, Bausatz oder selber bauen mit ehrlichem Kostenvergleich.
Häufige Fragen zum Lehmbau
Ist Lehmbau heute zulässig?
Ja. Lehmputze, Lehmsteine und Lehmplatten sind bauaufsichtlich geregelt, tragendes Lehmsteinmauerwerk normiert die DIN 18940 seit 2023.
Schimmelt Lehm?
Lehm bietet Schimmel kaum Nährboden und hält Oberflächen durch Feuchtepufferung trocken. Kritisch sind nur dauerhaft nasse Bauteile ohne Trocknungsmöglichkeit.
Dämmt Lehm?
Massivlehm speichert, dämmt aber kaum. Für Dämmwirkung braucht es Leichtlehm mit Stroh oder eine Kombination mit Naturdämmstoffen.
Ist Lehmbau etwas für Selbermacher?
Lehmputz, Lehmfarbe und der Gartenbackofen sind gute Einsteigerprojekte. Tragende Konstruktionen und Feuerstätten im Haus gehören in Fachhand.
Wo bekomme ich Lehm?
Im Lehmbau-Fachhandel, bei regionalen Lehmwerken oder als Aushub aus einer Baugrube. Bezugsquellen und Preise stehen unter Lehm kaufen.
Wie lange hält ein Lehmbau?
Mit funktionierendem Wetterschutz Jahrhunderte. Die ältesten bewohnten Lehmhäuser Europas sind über zweihundert Jahre alt.
Wenn es um die Feuerstelle geht
Wir sind Ofenbauer, keine Lehmbaufirma. Wo Lehm, Masse und Feuer zusammenkommen, sind wir seit 1951 zu Hause, und dieses Wissen geben wir gern weiter. Sie sanieren ein Fachwerkhaus und überlegen, welcher Ofen dazu passt? Rufen Sie an unter 07585 2692, schreiben Sie über das Kontaktformular, oder schauen Sie sich vorab die Speicheröfen an.
