Lehm vs. Ton: Der Unterschied einfach erklärt

Reiben Sie eine feuchte Bodenprobe zwischen Daumen und Zeigefinger. Fühlt sie sich seifig und glatt an, haben Sie viel Ton in der Hand. Fühlt sie sich mehlig an wie Kakaopulver, ist es Schluff. Kratzt es hörbar, ist Sand dabei. Drei Sekunden, und Sie wissen mehr über Ihren Untergrund als aus jeder Bodenkarte.

Das ist auch schon die kurze Antwort auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Lehm und Ton. Ton ist eine einzelne Korngrößenfraktion. Lehm ist die Mischung, in der Ton nur einer von drei Bestandteilen ist. Was daraus folgt, entscheidet darüber, ob Ihre Wand hält, Ihr Ofen reißt oder Ihre Tasse auf der Töpferscheibe zusammenfällt.

Die Korngrößen

Bodenkundler sortieren nicht nach Farbe oder Herkunft, sondern nach Durchmesser.

Fraktion Korngröße Verhalten mit Wasser
Ton unter 0,002 mm plastisch, klebend, bindet
Schluff 0,002 bis 0,063 mm weich, schwach bindend
Sand 0,063 bis 2 mm bindet nicht, bildet Gerüst

Zwei Tausendstel Millimeter: An dieser Grenze wird aus einem Korn ein Plättchen. Tonminerale sind so fein und flach, dass sich zwischen ihnen Wasserfilme bilden. Diese Filme lassen die Plättchen aneinander abgleiten und trotzdem zusammenhalten. Das ist der ganze Trick hinter der Plastizität von Ton, und es ist der Grund, warum ein feuchter Lehmklumpen sich formen lässt und ein feuchter Sandhaufen nicht.

lehmbau

Lehm ist die Mischung

Lehm besteht aus allen drei Fraktionen. Der Ton bindet, Schluff und Sand bilden das Gerüst. Man kann sich das wie Beton der Natur vorstellen, mit Ton in der Rolle des Zements und Sand als Zuschlag. Nur eben ohne Brennofen, ohne Chemie und mit dem Unterschied, dass die Verbindung reversibel bleibt.

Ton Lehm
Zusammensetzung reine Tonminerale Ton plus Schluff plus Sand
Trocknungsverhalten schwindet stark, reißt schwindet je nach Sandanteil wenig
Plastizität sehr hoch mittel
Verwendung Keramik, Ziegel, Schamotte (gebrannt) Putz, Mauerwerk, Ofenbau (ungebrannt)
Farbe grau, weiß, rötlich gelb bis rotbraun durch Eisenoxide

Warum der Unterschied in der Praxis zählt

Beim Bauen

Reiner Ton wäre als Baustoff eine Katastrophe. Er schwindet beim Trocknen so stark, dass alles reißt, was man daraus formt. Erst die natürliche Magerung durch Sand und Schluff macht Lehm zum brauchbaren Material für Lehmputz, Lehmsteine und ganze Lehmhäuser. Ist ein Lehm zu tonreich, wird er gezielt mit Sand abgemagert. Ist er zu sandig, fehlt die Bindung und man muss fetten Lehm zugeben.

Beim Töpfern

Umgekehrt braucht die Töpferscheibe möglichst reinen, feinen Ton. Maximale Plastizität, gleichmäßiges Brennverhalten, keine Steinchen, die beim Brand absprengen. Mit sandigem Baulehm lässt sich keine dünnwandige Tasse drehen.

Beim Ofenbau

Hier arbeiten beide zusammen, und zwar in verschiedenen Zuständen. Gebrannter Ton wird zu Schamotte, dem feuerfesten Material des Feuerraums. Ungebrannter Lehm liefert Speichermasse, Setzmörtel und Oberfläche. Ein Kachelofen enthält damit beide Formen desselben Rohstoffs, einmal bei über tausend Grad gebrannt, einmal nur luftgetrocknet. Was daraus wird, zeigt der Lehmofen-Ratgeber. Welche Qualität wofür taugt, steht unter Lehm für den Ofen.

Und was ist mit Erde, Mergel, Löss und Schlick?

Die Begriffsfamilie sorgt regelmäßig für Verwirrung, dabei ist sie schnell sortiert.

  • Mutterboden enthält Humus und organisches Material. Zum Bauen unbrauchbar, weil das Organische verrottet und der Baustoff dabei sackt.
  • Mergel ist Lehm mit hohem Kalkanteil.
  • Löss ist vom Wind abgelagerter Feinstaub, überwiegend Schluff. Verwittert wird daraus Lösslehm.
  • Schlick ist feines, wasserreiches Sediment aus Gewässern.

Baulehm stammt dagegen aus humusfreien Schichten unterhalb des Mutterbodens. Deshalb wird man beim Ausschachten einer Baugrube oft fündig, ohne dass jemand danach gesucht hätte. Wie Lehm überhaupt entsteht, steht unter Was ist Lehm?

Regional: was in Oberschwaben im Boden liegt

Zwischen Bodensee und Donau haben die eiszeitlichen Gletscher Geschiebelehm hinterlassen, also Material, das unter dem Eis zermahlen und wieder abgelagert wurde. Es ist häufig gut gemischt und liegt oft direkt unter dem Mutterboden. Dass hier über Jahrhunderte Backhäuser, Fachwerkgefache und Kachelöfen aus Lehm gebaut wurden, war deshalb keine Ideologie, sondern kurze Wege.

Die zwei Selbsttests im Detail

Rollprobe. Feuchte Probe zu einer bleistiftdünnen Wurst rollen und zum Ring biegen. Hält der Ring, ist der Tonanteil hoch, der Lehm also fett. Bricht die Wurst schon beim Rollen, ist die Probe mager.

Kugelfallprobe. Kugel von Apfelgröße aus Hüfthöhe fallen lassen. Krümelt sie, fehlt Bindung. Klatscht sie zum klebrigen Fladen, ist zu viel Ton drin. Die Mitte ist das Ziel. Mit diesen zwei Handgriffen beurteilen Ofenbauer und Lehmbauer seit Generationen jede Grube, lange bevor irgendwo ein Labor stand.

Häufige Fragen

Ist Lehm dasselbe wie Ton?

Nein. Ton ist eine Korngrößenfraktion unter 0,002 Millimeter, Lehm ein Gemisch aus Ton, Schluff und Sand. Jeder Lehm enthält Ton, aber Ton ist kein Lehm.

Was ist besser zum Bauen?

Lehm. Der Sandanteil verhindert die starken Schwindrisse, die reiner Ton beim Trocknen bekommt.

Kann ich mit Lehm töpfern?

Für dickwandige, einfache Objekte ja. Für feine Keramik braucht es gereinigten Töpferton.

Woran erkenne ich Lehm im Garten?

Gelb- bis rotbraune Farbe, formbar bei Feuchte, steinhart bei Trockenheit. Die Rollprobe bestätigt den Rest.

Ist Ton feuerfest?

Erst nach dem Brennen. Aus gebranntem Ton entsteht Schamotte, die im Feuerraum eingesetzt wird. Ungebrannter Ton und Lehm sind es nicht.

Warum ist Lehm meist braun und Ton oft grau?

Eisenoxide. Sie färben Lehm gelb bis rotbraun. Eisenarme Tone bleiben hell, weshalb Porzellanerde weiß ist.

Vom Bodenwissen zum Ofen

Wer Aushub beurteilen will, kommt mit Rollprobe und Reibeprobe erstaunlich weit. Wer daraus etwas bauen will, das Feuer aushält, braucht danach noch die Frage, welcher Zustand des Rohstoffs wo hingehört. Die beantwortet der Beitrag Lehm für den Ofen, den Überblick über den Baustoff gibt der Lehmbau-Ratgeber.